"Künstliche Intelligenz: Dem Menschen überlegen - wie KI uns rettet und bedroht" von Manfred Spitzer

 
 
 

Manfred Spitzer

"Künstliche Intelligenz: Dem Menschen überlegen - wie KI uns rettet und bedroht"

Seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 wird viel über die Chancen und Gefahren von Künstlicher Intelligenz (KI) diskutiert. Manfred Spitzer gibt in seinem Buch einen guten Überblick über die Geschichte und die aktuellen Anwendungen der KI. Was ich mir notiert habe:

  • Die Geschichte der Rechenmaschinen begann mit Gottfried Wilhelm Leibnitz und führte über Konrad Zuso zu John von Neumann.

  • Diese ersten Rechenmaschinen und auch die meisten heutigen Computer arbeiten mit vorprogrammierten Algorithmen.

  • Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, sich bei allen Prozessen materiell zu verändern. Es verändert sich also die “Hardware”. Bei der so genannten synaptischen Plastizität verändern sich die Synapsenstärken, d.h. das Signal wird besser oder schlechter von einer Nervenzelle auf die andere übertragen (bei einem herkömmlichen Computer funktioniert eine Hardwareverbindung, ein “Kabel”, immer gleich gut). Die so genannte kortikale Plastizität bedeutet, dass sich ändern kann, was Neuronen repräsentieren. Lernt man z.B. Geige spielen, so werden die Areale der Großhirnrinde, die die Feinmotorik der Finger steuern, größer, d.h. mehr Neuronen repräsentieren die Finger.

  • Jedes Neuron erhält Input von vielen anderen Neuronen. Erst wenn die Summe der Inputstärken einen bestimmten Schwellenwert erreicht, löst das Neuron selbst einen Output aus.

  • Biologische neuronale Netzwerke können mit (festverdrahteten) Computern simuliert werden. Wie das funktioniert, erklärt der Autor sehr anschaulich an einem einfachen Beispiel. Alle “Input-Neuronen” sind mit allen “Output-Neuronen” verbunden. Die Verbindungen sind jedoch unterschiedlich gewichtet, so dass unterschiedliche “Input-Muster” zu unterschiedlichen “Output-Mustern” führen. Diese simulierten neuronalen Netzwerke können dann trainiert werden, indem der tatsächliche Output mit dem gewünschten verglichen wird. Die Outputstärken der einzelnen Inputneuronen (Synapsengewichte) werden dann geringfügig angepasst.

  • Von Deep Learning spricht man, wenn das simulierte neuronale Netzwerk nicht nur eine Eingangs- und eine Ausgangsschicht hat, sondern auch Zwischenschichten. Ein solches Netzwerk kann beim Lernen auch generalisieren.

  • Neuronale Netzwerke sind sehr schnell, da alle “Neuronen” einer Schicht gleichzeitig aktiv sind, also parallel arbeiten. Bei einem herkömmlichen Algorithmus erfolgt ein Rechenschritt nach dem anderen. Das Netzwerk von ChatGPT verfügt beispielsweise über 175 Milliarden “Synapsen”, die alle gleichzeitig aktiv sind, was zu der für den Benutzer erstaunlichen Antwortgeschwindigkeit führt.

  • Berühmt ist die Geschichte von AlphaGo, einer künstlichen Intelligenz, die 2016 in fünf Partien gegen den weltbesten Go-Spieler Lee Sedol vier von fünf Partien gewann. Irritierend für die Go-Profis war nicht nur, dass AlphaGo gewann, sondern vor allem, dass dies nicht mechanisch geschah. Einige Züge waren “wunderbar”, “intuitiv” und “kreativ”. Kann eine Maschine intuitiv sein? Kann es eine künstliche Intuition geben? Ja, wenn man Intuition als “Wissen, das ohne bewusstes Nachdenken erworben oder angewendet wird” definiert.

  • Bis zur Lektüre des Buches war mir nicht bewusst, wie alltäglich KI heute schon ist. Und das nicht nur in der maßgeschneiderten Werbung der großen Tech-Unternehmen.

  • KIs können uns helfen, anstehende Probleme zu lösen:

    • sichereres Erkennen von Krankheiten

    • Entwicklung neuer Medikamente

    • bessere Wettervorhersagen

    • Erdbebenvorhersagen

    • effizientere Produktion und Verteilung von elektrischem Strom

    • Anwendungen in den Geisteswissenschaften wie z.B. der Entzifferung von Keilschriften

  • KIs stellen - in falschen Händen - aber auch eine Gefahr dar:

    • Kampfroboter und Drohnenschwärme beim Militär, d.h. “autonom” kämpfende Verbände mit der Gefahr, ausser Kontrolle zu geraten

    • KIs können nicht nur helfen, neue Medikamente, sondern auch neue biologische und chemische Waffen zu entwickeln

    • Manipulation der öffentlichen Meinung mit Gefährdung der Basis von Demokratien

    • Verlust der Privatsphäre

  • Das Buch schliesst mit folgenden, aus meiner Sicht zutreffenden Sätzen:

    »Wir brauchen nicht darüber nachzudenken, ob eine allgemeine KI irgendwann Bewusstsein hat oder die Menschheit vernichtet – das ist Science Fiction. Aber über reale Risiken und Gefahren von böswilligen Menschen, die KI für ihre Zwecke missbrauchen, müssen wir nachdenken – gründlich. Und über die Verantwortung der reichsten Unternehmen der Welt auch.«


Spitzer M. Künstliche Intelligenz: Dem Menschen überlegen – wie KI uns rettet und bedroht. 2. Aufl. München: Droemer HC; 2023. 336 S.