"Nexus: Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz” von Yuval Noah Harari

 
 
 

Yuval Noah Harari

"Nexus: Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz”

Im ersten – und aus meiner Sicht stärksten – Teil von „Nexus” befasst sich Harari mit dem Begriff der Information. Information ist nicht gleich Wahrheit. Sie ist das, was Verbindungen schafft – zwischen Menschen, Köpfen, Institutionen und Zeiten. Genau diese Verbindungen formen laut Harari die intersubjektive Wirklichkeit.

Harari zeigt, dass menschliche Gesellschaften weniger auf objektiven Fakten als auf geteilten Erzählungen beruhen: Mythen, Gesetze, Geld, Nationen, Menschenrechte. All diese Konstrukte existieren nicht in der Natur, sondern nur, weil viele Menschen dieselben Informationen glauben, weitergeben und verteidigen. Information wirkt hier nicht beschreibend, sondern konstitutiv. Sie erschafft soziale Realität. Der evolutionäre Erfolg des Homo sapiens liegt somit nicht primär in seiner Intelligenz oder seiner Wahrheitssuche begründet, sondern in seiner Fähigkeit, grosse Informationsnetzwerke zu bilden. Ob Religionen, Bürokratien oder moderne Medien – entscheidend ist nicht, ob Informationen korrekt sind, sondern ob sie Koordination ermöglichen. Falsche oder vereinfachte Informationen können gesellschaftlich hochwirksam sein, solange sie stabil geteilt werden. Informationsnetzwerke dienen somit in erster Linie dazu, Menschen zu verbinden und Ordnung zu schaffen, statt objektive Wahrheiten zu verbreiten. In der Geschichte wurden Mythen und Ideologien genutzt, um große Menschengruppen zur Kooperation zu bewegen.

Im weiteren Verlauf des Buches spannt Harari diesen Gedanken bis in die Gegenwart: Digitale Netzwerke und KI verändern die Dynamik von Informationen grundlegend. Informationen zirkulieren schneller, autonomer und zunehmend ohne menschliche Intentionalität. Dadurch geraten intersubjektive Wirklichkeiten unter Druck. Im Gegensatz zu Buchdruck oder Radio ist KI kein bloßes Werkzeug, das menschliche Botschaften verbreitet. KI ist eine eigenständige Instanz, die Informationen selbstständig verarbeiten, neue Ideen generieren und Entscheidungen treffen kann, deren Logik für Menschen oft undurchschaubar bleibt. KI ist kein Subjekt, aber sie formt Subjekte.

Während Demokratien auf Mechanismen der Selbstkorrektur und Transparenz angewiesen sind, können KIs in den Händen von Diktaturen zur Errichtung „digitaler Diktaturen” führen. Die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung droht die zuständigen menschlichen Institutionen zu überfordern. Daraus ergeben sich folgende Gefahren:

  1. Erosion gemeinsamer Wirklichkeit: KI beschleunigt und fragmentiert Informationsströme. Werden Narrative personalisiert und automatisiert erzeugt, zerfällt die intersubjektive Wirklichkeit, die Vertrauen, Kooperation und somit auch Demokratie überhaupt erst ermöglicht.

  2. Machtverschiebung durch Informationskontrolle: Wer KI-Systeme kontrolliert, kontrolliert Aufmerksamkeit, Bedeutung und Entscheidungsarchitekturen. Dadurch verlagert sich Macht von politischen Institutionen zu technologischen Infrastrukturen – oft ohne demokratische Kontrolle.

  3. Entkopplung von Verantwortung: KI erzeugt Entscheidungen und Inhalte, ohne eigenes Erleben, Gewissen oder Haftung zu besitzen. Dadurch entstehen reale Konsequenzen, für die sich keine klar zurechenbare Verantwortung ergibt – ein strukturelles, kein moralisches Problem.

Gleichzeitig könnte KI auch stabilisierend wirken:

  1. Bessere kollektive Koordination: Richtig eingesetzt, kann KI dabei helfen, komplexe Informationsmengen zu integrieren, beispielsweise in den Bereichen Medizin, Klimapolitik oder Krisenmanagement. Auf diese Weise können menschliche Begrenzungen kompensiert werden.

  2. Entlastung von kognitiver Routine: KI kann Aufmerksamkeit freisetzen, indem sie sich um repetitive Entscheidungen kümmert. Dadurch entstehen Spielräume für Reflexion, Kreativität und ethische Urteilsbildung.

  3. Transparenz über Informationsmechanismen: Paradoxerweise macht KI sichtbar, wie sehr die Wirklichkeit konstruiert ist. Dies kann zu einer reiferen und bewussteren Informationskultur führen, sofern Gesellschaften diese Einsicht politisch nutzen.

Das Buch endet mit dem Appell, global zusammenzuarbeiten und wirksame Regulierungen zu etablieren, um zu verhindern, dass die KI-Entwicklung außer Kontrolle gerät und die menschliche Entscheidungsfreiheit untergräbt.


Harari YN. Nexus: Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz - Vom Autor d. Bestsellers „Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit“ - Deutsche Ausgabe. München: Penguin Verlag; 2024. 656 S.