Chronisches postvirales Fatigue-Syndrom (CFS) (ICD-11 8E49)

Das chronische postvirale Fatigue-Syndrom ist ein komplexes Krankheitsbild.
Im Vordergrund stehen ein deutlicher Verlust der früheren
körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit.

Definition

Das chronische postvirale Fatigue-Syndrom ist ein komplexes Krankheitsbild, das sich durch einen deutlichen Verlust der früheren körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit auszeichnet. Daneben bestehen typischerweise Schlafstörungen und eine Post-Exertional Malaise (PEM). Letztere bezeichnet eine übermässige Verschlechterung des gesamten Beschwerdebildes nach einer Belastung, die vor der Erkrankung problemlos toleriert worden wäre. Diese Verschlechterung kann Stunden oder auch erst Tage nach der Aktivität einsetzen und Tage bis Wochen anhalten. Die Bezeichnung „postviral” bedeutet nicht, dass bei allen betroffenen Personen ein konkretes Virus nachgewiesen werden kann. Sie spiegelt vielmehr wider, dass die Erkrankung häufig im Anschluss an einen Infekt beginnt.

 
 

Symptomatik und diagnostische Kriterien

Für die Diagnose müssen die folgenden Beschwerden in relevanter Ausprägung bestehen und die Funktionsfähigkeit deutlich beeinträchtigen:

I. Deutliche Einschränkung der Leistungsfähigkeit

  • im Vergleich zum Zustand vor der Erkrankung deutlich vermindert

  • betroffen sind Beruf, Ausbildung, soziale Aktivitäten und Alltag

  • die Symptomatik besteht seit mindestens 6 Monaten

  • die Erschöpfung wird durch Ruhe nicht wesentlich bessert

II. Nicht erholsamer Schlaf

  • Schlaf führt nicht zu einer spürbaren Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit

III. Post-exertional Malaise (PEM) bzw. Belastungsintoleranz

  • Verschlechterung der Symptome nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Belastung

  • die Verschlechterung kann verzögert auftreten (oft Stunden bis Tage später)

  • die Erholung kann Tage, Wochen oder länger dauern

Zusätzlich muss mindestens eines der folgenden Kriterien vorliegen:

  • Kognitive Beeinträchtigung (z.B. Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, ‚Brain Fog‘)

  • Orthostatische Intoleranz (z.B. Schwindel, Herzrasen, Verschlechterung beim Stehen oder Sitzen, posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom ,POTS‘)

Weitere mögliche Symptome sind:

  • Schmerzen (z.B. Muskel-, Gelenk- oder Kopfschmerzen) und eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen oder anderen Reizen

  • Neuroendokrine Symptome: Beschwerden, die auf eine gestörte Regulation von Körperfunktionen hinweisen können, beispielsweise Störungen der Temperaturregulation (Kälte- oder Hitzeintoleranz), Appetit- oder Gewichtsveränderungen

  • Immunologische Symptome: Beschwerden, die häufig das Gefühl vermitteln, ständig an einem Infekt zu leiden, beispielsweise wiederkehrende Halsschmerzen, empfindliche Lymphknoten, grippeähnliches Krankheitsgefühl (Malaise), erhöhte Infektanfälligkeit oder neu auftretende Überempfindlichkeiten gegenüber Nahrungsmitteln, Medikamenten, Chemikalien oder Duftstoffen

Schweregrade

  • Leicht: Beruf oder Ausbildung sind teilweise noch möglich, meist jedoch nur unter Verzicht auf Freizeitaktivitäten und mit verlängerten Erholungsphasen.

  • Mittelgradig: Alltagsaktivitäten sind deutlich eingeschränkt; Arbeit oder Ausbildung sind meist nicht mehr regulär möglich. Häufig sind längere Ruhezeiten und Unterstützung im Haushalt notwendig.

  • Schwer: Betroffene sind überwiegend ans Haus oder Bett gebunden, benötigen Hilfe bei der Selbstversorgung und reagieren oft stark auf Licht, Geräusche, Berührung oder Gespräche.

  • Sehr schwer: Eine weitgehende Bettlägerigkeit, ausgeprägte Reizintoleranz, Kommunikationsschwierigkeiten und vollständige Pflegeabhängigkeit können auftreten.

Medizingeschichte

Bereits im 19. Jahrhundert wurden Krankheitsbilder mit lang anhaltender Erschöpfung, Schmerzen und neurologisch anmutenden Beschwerden beschrieben. Im 20. Jahrhundert kam es wiederholt zu gruppenweisen Erkrankungen nach infektiösen Ausbrüchen, unter anderem im Jahr 1955 im Royal Free Hospital in London. Daraus entwickelte sich die Bezeichnung “Myalgische Enzephalomyelitis”. Später setzte sich insbesondere im angloamerikanischen Raum der Begriff „Chronic Fatigue-Syndrome” durch.

Die wechselnden Bezeichnungen spiegeln die Unsicherheit über die Krankheitsmechanismen wider. Der Ausdruck „Chronic Fatigue-Syndrom” wurde teilweise als Verharmlosung empfunden, da er die Belastungsintoleranz, die neurologischen und vegetativen Symptome sowie die erhebliche Behinderung nicht vollständig abbildet. Heute wird deshalb häufig die Doppelbezeichnung ME/CFS verwendet. Durch die COVID-19-Pandemie erhielt das Krankheitsbild zusätzliche Aufmerksamkeit, da ein Teil der Menschen mit Long COVID ein dem CFS ähnliches Syndrom entwickelte.

Epidemiologie

Die Häufigkeit lässt sich nur ungenau bestimmen, da Studien unterschiedliche Kriterien, Erhebungsmethoden und Populationen verwenden. Häufig werden Prävalenzen von etwa 0,2 bis 0,8 % genannt. Für die Schweiz entspräche dies grob mehreren Zehntausend Betroffenen. Die tatsächliche Zahl könnte jedoch höher liegen, da die Erkrankung oft nicht erkannt oder unter anderen Diagnosen erfasst wird. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Ein CFS kann in jedem Alter auftreten, auch bei Kindern und Jugendlichen. Nach der Corona-Pandemie ist von einer Zunahme auszugehen, da sich das CFS und ein Teil der Long-Covid-Syndrome klinisch überschneiden.

Ätiologie

Die Ursache des postviralen CFS ist nicht geklärt. Es ist wahrscheinlich, dass es sich nicht um eine einheitliche Störung mit einem einzigen Auslöser handelt, sondern um ein Syndrom, bei dem unterschiedliche biologische Ausgangslagen zu einer gemeinsamen Störung der Belastungsverarbeitung führen können. Oft beginnt die Erkrankung nach einem Infekt, beispielsweise mit SARS-CoV-2, dem Epstein-Barr-Virus oder einer anderen viralen bzw. bakteriellen Erkrankung. Ein Teil der Betroffenen berichtet, dass Operationen, körperliche Traumata oder andere erhebliche physiologische Belastungen den Ausbruch der Erkrankung ausgelöst haben.

Als mögliche Ursachen werden eine genetische Vulnerabilität, anhaltende Veränderungen des Immunsystems mit Autoantikörpern, Störungen des autonomen Nervensystems, der Gefässregulation, des Energiestoffwechsels und der zellulären Stressantwort diskutiert. Für keinen dieser Mechanismen existiert bislang ein allgemein anwendbarer diagnostischer Einzelmarker. Psychosoziale Belastungen können den Umgang mit der Erkrankung, den Schlaf, Schmerzen und die Schwere der Symptome beeinflussen. Sie gelten jedoch nicht als ausreichende Erklärung für das typische Syndrom mit PEM.

Pathophysiologie

Heute wird das postvirale CFS als multisystemische Regulationsstörung verstanden. Betroffen sein können Immunantwort, autonomes Nervensystem, Gefässregulation, Energiestoffwechsel und zentrale Reizverarbeitung. Die Befunde sind jedoch heterogen und ergeben noch kein einheitliches Krankheitsmodell.

Immunsystem und Energiestoffwechsel

Nach einem Infekt kann eine fehlangepasste Immunantwort fortbestehen. Untersucht werden entzündliche Signalwege, veränderte Immunzellfunktionen und Autoantikörper gegen Rezeptoren des autonomen Nervensystems. Zudem bestehen Hinweise auf eine gestörte Energiebereitstellung und Belastungsanpassung. Diese Befunde sind bisher nicht Teil der Routinediagnostik.

Autonomes Nervensystem und Gefässregulation

Eine autonome Dysregulation kann Herzfrequenz, Blutdruck, Gefässtonus, Temperaturregulation und Verdauung beeinträchtigen. Beim Aufrichten oder unter Belastung kann die Versorgung von Gehirn und Muskulatur instabil werden. Dazu passt die häufige orthostatische Intoleranz bis hin zum POTS mit Schwindel, Palpitationen und verstärkten kognitiven Beschwerden. Auch Störungen der Mikrozirkulation und des Gefässendothels werden diskutiert.

Gehirn und Reizverarbeitung

Studien zeigen auf Gruppenebene Veränderungen funktioneller Netzwerke, der autonomen Kopplung und der Reizverarbeitung. Dies könnte zu „Brain Fog“, Reizüberempfindlichkeit und verminderter Belastbarkeit beitragen. Die Befunde sind jedoch unspezifisch. Insbesondere qEEG- und ERP-Muster sollten als explorative Funktionsbefunde und nicht als diagnostische Biomarker interpretiert werden.

Komorbiditäten

Ein postvitales Fatigue-Syndrom kann gemeinsam mit einem Reizdarmsyndrom, Symptomen einer Mastzellaktivierung, Schlafstörungen, Fibromyalgie und anderen chronischen Schmerzen auftreten. Auch Long COVID überschneidet sich teilweise mit dem postvitalen Fatigue-Syndrom, wobei nicht jede Person mit Long COVID die diagnostischen Kriterien dafür erfüllt.

Depressionen und Angststörungen können bereits vorliegen, als Reaktion auf die schwere chronische Erkrankung entstehen oder unabhängig davon auftreten. Sie erklären jedoch nicht ausreichend, warum es zu PEM, orthostatischer Intoleranz und der verzögerten, lang anhaltenden Verschlechterung nach geringer Belastung kommt.

Diagnostik

Die Diagnose wird klinisch gestellt. Ausgangspunkt sind eine genaue zeitliche Rekonstruktion des Krankheitsbeginns, die Erfassung des früheren und heutigen Funktionsniveaus sowie eine detaillierte Analyse der Reaktion auf körperliche, kognitive, emotionale und sensorische Belastungen. Hilfreich sind Aktivitäts- und Symptomtagebücher, da sie die oft verzögerte Post-Exertional Malaise (PEM) sichtbar machen. Standardisierte Fragebögen können die Erfassung unterstützen, ersetzen aber nicht die klinische Beurteilung.

Bei der Funktionsanamnese sollten die Bereiche Selbstversorgung, Haushalt, Mobilität, soziale Kontakte, Arbeit oder Ausbildung und kognitive Belastbarkeit getrennt erfasst werden. Angaben von Angehörigen in der Fremdanamnese können helfen, Veränderungen gegenüber dem früheren Zustand und die Folgen von Belastungen abzubilden.

Körperliche und labormedizinische Abklärung

In der Basisdiagnostik werden in der Regel das Blutbild, die Entzündungswerte, die Elektrolyte, die Nieren- und Leberwerte, der Glukosestoffwechsel, die Schilddrüsenfunktion, der Ferritinwert sowie je nach Situation Vitamin B12, Folsäure und weitere Parameter geprüft. Bei entsprechenden Hinweisen erfolgen gezielte internistische, infektiologische, rheumatologische, neurologische, endokrinologische oder schlafmedizinische Abklärungen. Umfangreiche und ungezielte Laboranalysen erhöhen dagegen das Risiko zufälliger, schwer interpretierbarer Befunde.

Bei orthostatischen Beschwerden sollten Puls und Blutdruck im Liegen sowie nach dem Aufstehen wiederholt gemessen werden. Je nach Befund können ein aktiver Stehtest oder eine Kipptischuntersuchung sinnvoll sein. Kardiopulmonale Belastungstests können charakteristische Belastungsgrenzen objektivieren. Wiederholte maximale Belastungstests können jedoch das Post-Exertional-Malaise (PEM) auslösen und müssen deshalb streng indiziert und sicher durchgeführt werden.

Neuropsychologie

Mithilfe einer neuropsychologischen Untersuchung können Verlangsamung, erhöhte Reaktionszeitvariabilität, reduzierte Daueraufmerksamkeit sowie Einschränkungen des Arbeitsgedächtnisses und der komplexen Informationsverarbeitung dokumentiert werden. Ein unauffälliger Kurztest schliesst relevante Alltagsprobleme jedoch nicht aus. Die strukturierte Testsituation, die begrenzte Dauer und eine spätere PEM werden in der reinen Testleistung oft nicht abgebildet. Bei der Planung sind deshalb kurze Untersuchungsabschnitte, Pausen und eine zurückhaltende Belastungsdosierung wichtig.

Elektrophysiologie und Bildgebung

Ein Standard-EEG und eine konventionelle Magnetresonanztomographie sind bei einem postvitalen CFS meist unauffällig. Sie dienen bei entsprechender Symptomatik vor allem dem Ausschluss anderer neurologischer Erkrankungen.

qEEG, ereigniskorrelierte Potenziale, funktionelle Bildgebung und autonome Funktionsmessungen können in spezialisierten oder wissenschaftlichen Kontexten zusätzliche Informationen liefern. Derzeit existiert jedoch kein validiertes qEEG-, ERP- oder Bildgebungsmuster, mit dem sich ein postvirales CFS zuverlässig diagnostizieren oder eine konkrete Therapie auswählen liesse.

Differentialdiagnose

Wichtige Ausschluss- und Begleiterkrankungen sind unter anderem Eisenmangel und Anämie, Schilddrüsen- und andere endokrine Erkrankungen, Schlafapnoe, Herz- oder Lungenerkrankungen, Autoimmunerkrankungen, chronische Infektionen, die Wirkung von Medikamenten und Substanzen, Tumorerkrankungen, Multiple Sklerose, Parkinson-Syndrome, neuromuskuläre Erkrankungen sowie Depressionen und Angststörungen. Ebenso müssen primäre Schlafstörungen, Folgen chronischer Schmerzen und Überlastungssyndrome berücksichtigt werden. Entscheidend ist nicht, möglichst viele Diagnosen auszuschliessen, sondern die Beschwerden plausibel zu erklären und behandelbare Ursachen nicht zu übersehen.

Die Abgrenzung zur Depression verdient besondere Aufmerksamkeit. Bei einer Depression bestehen häufig Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle und ein generell verminderter Antrieb. Menschen mit postviralem CFS möchten oft aktiv sein, werden aber durch die körperliche Belastungsintoleranz und deren Folgen begrenzt.

Auch eine Dekonditionierung kann nach längerer Inaktivität hinzukommen und Kreislauf sowie Muskulatur zusätzlich beeinträchtigen. Sie erklärt jedoch nicht den typischen Beginn, die multisystemischen Beschwerden oder die verzögerte PEM. Klinisch ist deshalb zwischen primärer Krankheitsmechanik und sekundären Folgen von Inaktivität zu unterscheiden. Diese Differenzierung verhindert sowohl eine pauschale Psychologisierung als auch das Übersehen behandelbarer Zusatzfaktoren.

Therapie

Derzeit gibt es keine allgemein anerkannte heilende oder krankheitsmodifizierende Therapie. Die Behandlung erfolgt individuell, symptomorientiert und interdisziplinär. Ziel ist es, PEM und Funktionsverluste zu begrenzen, Begleiterkrankungen zu behandeln und die Selbstwirksamkeit zu stärken. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bereits Arzttermine und Therapiesitzungen eine erhebliche Belastung darstellen können.

Pacing und Energiemanagement

Pacing ist der zentrale Behandlungsbaustein. Körperliche, kognitive, emotionale und sensorische Aktivitäten werden so an die individuelle Belastungsgrenze angepasst, dass Überlastungen vermieden werden. Hilfreich sind kleinere Aktivitätseinheiten, frühzeitige Pausen sowie Tagebücher, Schritt- oder Herzfrequenzmessungen. Auch an guten Tagen sollte eine nachträgliche Überlastung vermieden werden.

Physiotherapie kann Beweglichkeit und Kreislaufanpassung unterstützen, muss jedoch die PEM respektieren. Starre Programme mit fortlaufender Belastungssteigerung werden nicht empfohlen. Eine Psychotherapie heilt CFS nicht, kann aber bei der Bewältigung von Verlusten, Stress, Schlafproblemen und veränderten Lebensrollen helfen.

Erst nach längerer Stabilität können einzelne Aktivitäten vorsichtig erweitert werden; eine Steigerung ist jedoch kein zwingendes Ziel. Praktische Hilfen wie Sitzen statt Stehen, das Aufteilen von Aufgaben, Mobilitätshilfen, reizreduzierte Räume und gebündelte Termine können Energie sparen. Bei kognitiver Erschöpfung helfen kurze Informationen, schriftliche Zusammenfassungen und eine Begleitperson.

Symptomorientierte Behandlung

Schlafstörungen, Schmerzen, Migräne, Übelkeit, orthostatische Intoleranz, Allergie- oder Mastzellaktivierungssymptome sowie komorbide Depressionen und Angststörungen sollten gezielt behandelt werden. Medikamente werden wegen möglicher Überempfindlichkeit häufig niedrig dosiert begonnen und langsam gesteigert. Bei orthostatischer Intoleranz kommen je nach Situation Flüssigkeit, eine angepasste Salzzufuhr, Kompressionskleidung und spezifische Medikamente infrage.

Stimulanzien können bei komorbider ADHS oder ausgeprägten kognitiven Beschwerden hilfreich sein, erhöhen aber nicht die körperliche Energiereserve und können ein „Push-and-crash“-Muster begünstigen. Antidepressiva behandeln Begleiterkrankungen, nicht die CFS-Kernsymptomatik. Für Low-Dose-Naltrexon, Antihistaminika und weitere Off-Label-Substanzen reicht die Evidenz derzeit nicht für eine allgemeine Empfehlung.

Ernährung und Mangelzustände

Eine heilende CFS-Diät ist nicht bekannt. Empfohlen werden eine ausgewogene, verträgliche Ernährung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und die gezielte Behandlung nachgewiesener Mangelzustände. Kleine, leicht zuzubereitende Mahlzeiten können bei Übelkeit oder Erschöpfung hilfreich sein.

Restriktive Diäten und umfangreiche Supplementregime bergen Risiken für Mangelernährung, Wechselwirkungen und hohe Kosten. Bei vermuteten Unverträglichkeiten oder Mastzellaktivierungssymptomen ist ein zeitlich begrenztes, dokumentiertes Vorgehen sinnvoller als der gleichzeitige Verzicht auf viele Lebensmittel. Nahrungsergänzungsmittel ersetzen weder Diagnostik noch Pacing.

Neuro- und Biofeedback

Mithilfe von Neuro- und Biofeedback soll die Wahrnehmung und Regulation physiologischer Zustände verbessert werden. Durch Rückmeldungen zu EEG-Aktivität, Herzfrequenzvariabilität, Atmung oder Muskelspannung können einzelne Betroffene entspannen, ihren Schlaf regulieren oder mit vegetativen Beschwerden umgehen. Eine spezifische Wirksamkeit auf CFS oder PEM ist jedoch derzeit nicht gesichert. Das Training muss kurz, reizarm und symptomadaptiert erfolgen. Eine nachfolgende Verschlechterung ist als Überlastungssignal ernst zu nehmen.

Nicht-invasive Neuromodulation

Die transkutane Vagusnervstimulation (tVNS), die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) und die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) werden als neuromodulatorische Ansätze untersucht. Sie könnten pathophysiologisch die autonome Regulation, die Schmerzverarbeitung, die Stimmung, die Aufmerksamkeit oder die Erregbarkeit kortikaler Netzwerke beeinflussen. Bei CFS handelt es sich jedoch um experimentelle beziehungsweise Off-Label-Anwendungen, da robuste Studien, etablierte Targets und allgemein anerkannte Protokolle fehlen.

Wenn solche Verfahren im Einzelfall eingesetzt werden, sollte das Therapieziel präzise definiert werden, beispielsweise die Behandlung einer komorbiden Depression, von Migräne oder chronischen Schmerzen. Bei schwerer Belastungsintoleranz sind eine niedrige Reizintensität, kurze Sitzungen, eine langsame Dosissteigerung und eine systematische Kontrolle verzögerter Verschlechterungen notwendig. Ein qEEG- oder ERP-Befund allein rechtfertigt keine Behandlung. Besonders wichtig ist, dass eine vorübergehende Aktivierung oder eine subjektiv bessere Leistungsfähigkeit nicht zu einer Überschreitung der Energiereserven führt.

Alltag, Teilhabe und soziale Unterstützung

Ergotherapie kann dabei helfen, die Wohn- und Arbeitsumgebung anzupassen, Tätigkeiten energiesparend zu organisieren und Hilfsmittel einzusetzen. Eine Sozialberatung ist bei Fragen zu Arbeitsfähigkeit, Studium, Versicherungen und Unterstützung im Alltag wichtig. Familie und Bezugspersonen sollten verstehen, dass sichtbare Aktivität nicht mit nachhaltiger Belastbarkeit gleichzusetzen ist. Bei schwer betroffenen Personen sind Hausbesuche, Telemedizin, eine reizreduzierte Kommunikation und eine koordinierte Versorgung oft die Voraussetzung dafür, dass sie medizinische Hilfe überhaupt tolerieren können.

Selbsthilfe und psychologische Unterstützung

Selbsthilfe bedeutet bei CFS nicht, die Erkrankung allein bewältigen zu müssen. Hilfreich sind verlässliche Informationen, realistische Ziele, der Austausch mit anderen Betroffenen sowie die bewusste Priorisierung von Aktivitäten, die die Lebensqualität erhalten. Entspannungs- oder Atemübungen können Anspannung reduzieren, sollten aber kurz und verträglich dosiert werden. Sie regulieren Begleitsymptome, beseitigen jedoch nicht die zugrunde liegende Belastungsintoleranz.

Eine chronische Erkrankung kann Trauer, Isolation, Angst vor Verschlechterung sowie Konflikte mit dem Umfeld auslösen. Eine psychologische Begleitung kann dabei helfen, diese Folgen zu verarbeiten und Selbstabwertung zu verringern. Dabei ist es zentral, Beschwerden nicht als Folge falscher Gedanken zu erklären. Eine gute Unterstützung stärkt die Autonomie, akzeptiert reale Grenzen und hilft dabei, trotz eingeschränkter Energie persönliche Werte, Beziehungen und sinnstiftende Aktivitäten zu bewahren.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf ist sehr unterschiedlich. Einige Betroffene zeigen innerhalb der ersten Jahre eine teilweise Besserung, andere erleben einen wechselhaften Verlauf mit stabileren Phasen und Rückfällen. Vollständige und anhaltende Genesungen sind möglich, kommen in Langzeitstudien aber deutlich seltener vor als partielle Besserungen. Ein Teil der Betroffenen bleibt über viele Jahre erheblich eingeschränkt oder pflegebedürftig. Prognoseangaben sind schwierig, da Studien unterschiedliche Kriterien verwenden und besonders schwer Erkrankte oft nicht ausreichend erfasst werden.

Rückfälle können durch Infekte, Operationen, psychosoziale Belastungen oder eine Überschreitung der individuellen Belastungsgrenze ausgelöst werden. Eine frühe Anerkennung der Erkrankung, konsequentes Pacing, die Behandlung von Begleiterkrankungen und die Vermeidung wiederholter Crashs erscheinen klinisch sinnvoll, auch wenn sich der individuelle Verlauf nicht sicher vorhersagen lässt. Nach heutigem Wissen ist die Lebenserwartung nicht generell deutlich verkürzt, die Lebensqualität kann jedoch massiv beeinträchtigt sein.

Fazit

Das chronische postvirale Fatigue-Syndrom ist eine schwere, komplexe und häufig unterschätzte Erkrankung. Entscheidend ist nicht allein die Erschöpfung, sondern die pathologische Belastungsreaktion mit Post-Exertional Malaise. Die Diagnose beruht auf Anamnese, Funktionsverlust und einem charakteristischen Symptomprofil sowie dem gezielten Ausschluss besserer Erklärungen. Laboruntersuchungen, neuropsychologische Tests, EEG und Bildgebung können dabei unterstützen, liefern aber bislang keinen eindeutigen Biomarker.

Im Zentrum der Behandlung stehen Pacing, die Therapie belastender Einzelbeschwerden, die Behandlung von Komorbiditäten und die Anpassung des Alltags an die reale Belastbarkeit. Aktivierende Verfahren müssen besonders vorsichtig eingesetzt werden, damit es nicht zu einer nachfolgenden Verschlechterung kommt. Neurofeedback, Biofeedback, tVNS, tDCS und rTMS sind interessante Ansätze, die für CFS jedoch noch nicht etabliert sind. Eine gute Behandlung verbindet deshalb wissenschaftliche Zurückhaltung mit einer ernsthaften, individualisierten und praktisch hilfreichen Begleitung.