Second Brain – Wissen bewahren und weiterentwickeln
Wir lesen einen interessanten Artikel, machen uns Notizen zu einem Vortrag oder halten einen Gedanken fest. Mit der Zeit entsteht so eine Sammlung aus Dokumenten, Verweisen und eigenen Überlegungen. Wenn wir darauf zurückgreifen möchten, beginnt jedoch oft die Suche. Manchmal erinnern wir uns noch daran, dass wir uns mit einem Thema beschäftigt haben, aber kaum mehr an die Einzelheiten.
Das Konzept des „Second Brain” setzt genau hier an. Damit ist eine persönliche Wissensbasis gemeint, in der Informationen und Gedanken so festgehalten werden, dass sie später wieder nutzbar sind. Der Ausdruck „zweites Gehirn” ist dabei bildlich zu verstehen: Eine solche Sammlung kann dabei helfen, Gelesenes zu bewahren, Zusammenhänge nachzuvollziehen und an frühere Überlegungen anzuknüpfen.
Visualisierung eines Second Brain mit Obsidian
Der Begriff wurde insbesondere durch den Autor Tiago Forte bekannt. Seine Methode beschreibt einen bewussten Umgang mit Informationen. Diese bestehen darin, Relevantes zu erfassen, es sinnvoll zu ordnen, wesentliche Inhalte herauszuarbeiten und es für eigene Vorhaben zu nutzen. Der Grundgedanke ist vertraut. Auch Notizbücher und Zettelkästen dienen schliesslich dazu, Wissen zu sammeln und weiterzuentwickeln. Digitale Werkzeuge erleichtern vor allem das Suchen und Verknüpfen. Tiago Forte: Building a Second Brain
Die Pflege einer solchen Sammlung ist allerdings aufwendig. Neue Informationen müssen eingeordnet, frühere Einschätzungen überprüft und Verbindungen zwischen den Themen hergestellt werden. Hier können grosse Sprachmodelle, sogenannte „Large Language Models” (LLM), unterstützen.
Der KI-Forscher Andrej Karpathy beschreibt dafür den Ansatz eines „LLM Wiki”. Aus ausgewählten Quellen entsteht schrittweise eine Sammlung miteinander verknüpfter Themenseiten. Ein Sprachmodell erstellt Zusammenfassungen, ergänzt bestehende Darstellungen und hält mögliche Widersprüche fest. Die ursprünglichen Quellen bleiben dabei erhalten. Entscheidend ist, dass die erarbeiteten Zusammenhänge dauerhaft gespeichert werden und für spätere Fragen zur Verfügung stehen. So kann die Wissensbasis mit jeder Bearbeitung weiterentwickelt werden. Andrej Karpathy: LLM Wiki
Wer sich beispielsweise mit Neurodivergenz beschäftigt, könnte darin wissenschaftliche Studien, Fortbildungsnotizen, Erfahrungsberichte und eigene Fragen zusammenführen. Die Wissensbasis könnte unterschiedliche Themen und Perspektiven miteinander verknüpfen und dabei Forschungsergebnisse von persönlichen Erfahrungen unterscheidbar halten. Wenn eine neue Untersuchung hinzukommt, könnte die KI vorschlagen, welche bisherigen Darstellungen ergänzt oder überprüft werden sollten. Das Wiki dient dabei als externes Gedächtnis. Das zugrunde liegende Sprachmodell wird durch diese Ergänzungen nicht automatisch neu trainiert, sondern es wird lediglich die Informationsgrundlage erweitert, auf die es zugreifen kann.
Eine übersichtliche und überzeugend formulierte Darstellung ist jedoch keine Garantie für Richtigkeit. Sprachmodelle können Aussagen falsch zusammenführen, Einschränkungen übersehen oder unbelegte Verbindungen herstellen. Werden solche Fehler gespeichert, können sie spätere Antworten beeinflussen. Quellen, Unsicherheiten und unterschiedliche Einschätzungen müssen deshalb stets nachvollziehbar bleiben. Gerade bei medizinischen Themen ist zwischen Forschungsergebnissen, persönlichen Erfahrungen und Interpretationen zu unterscheiden.
Die eigene Auseinandersetzung ist und bleibt sehr wichtig. Wer eine Notiz selbst formuliert oder eine Zusammenfassung kritisch überprüft, setzt sich mit deren Bedeutung auseinander. Die KI kann diese Arbeit vorbereiten und erleichtern. Welche Aussagen richtig sind und welche Schlussfolgerungen sich daraus ergeben, verlangt jedoch weiterhin ein menschliches Urteil.
Der Nutzen eines Second Brain zeigt sich in der Anwendung: Können wir relevante Inhalte wiederfinden? Können wir frühere Überlegungen nachvollziehen und angesichts neuer Erkenntnisse überprüfen? Eine überschaubare und sorgfältig gepflegte Sammlung kann bereits eine wertvolle Grundlage dafür sein.