AuDHS – Wenn Autismus und ADHS gemeinsam auftreten

 

Der Begriff “AuDHS” bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Beide Bedingungen zählen zu den neuromentalen Entwicklungsstörungen und werden auch unter dem Begriff Neurodivergenz zusammengefasst.

 

Autismus und ADHS treten auffallend häufig gemeinsam auf. Je nach Untersuchungsmethode erfüllen etwa ein Drittel bis knapp die Hälfte der Kinder und Jugendlichen mit Autismus zusätzlich die Kriterien für eine ADHS. Umgekehrt erfüllt etwa jeder fünfte junge Mensch mit ADHS auch die Kriterien einer Autismus-Spektrum-Störung. Die Zahlen schwanken jedoch erheblich, da Alter, Stichprobenauswahl und diagnostische Verfahren einen grossen Einfluss haben.

Die gleichzeitige Präsenz beider neurodivergenten Störungen führt häufig zu einem komplexen Erscheinungsbild, das sich nicht einfach als Summe von Autismus und ADHS verstehen lässt. Vielmehr entsteht ein spezifisches neuropsychologisches Profil mit besonderen Stärken, Herausforderungen und inneren Widersprüchen.

 
 

Autismus und ADHS – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Sowohl Autismus als auch ADHS betreffen die Informationsverarbeitung des Gehirns, zeigen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

Typische Merkmale von Autismus:

  • andere Kommunikation und Interaktion

  • ausgeprägtes Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit und Struktur

  • Neigung zu Routinen

  • intensive Spezialinteressen

  • Detailorientierung

  • sensorische Besonderheiten

  • häufig erhöhte Erschöpfbarkeit durch soziale und sensorische Anforderungen

Typische Merkmale von ADHS:

  • Schwierigkeiten bei Aufmerksamkeit und Konzentrationssteuerung

  • hohe Ablenkbarkeit

  • Impulsivität

  • Schwierigkeiten mit Planung und Organisation

  • Bedürfnis nach Neuheit und Stimulation mit Interessenwechsel

  • emotionale Reagibilität

Besonders belastend ist, dass diese Schwierigkeiten oft nicht dem tatsächlichen Intelligenzniveau entsprechen. Viele Betroffene verfügen über hohe kognitive Fähigkeiten und verstehen genau, was zu tun wäre, können dies jedoch nicht zuverlässig umsetzen. Dieses Phänomen wird häufig als „Knowing–Doing Gap“ oder auch als Diskrepanz zwischen Kompetenz und Performanz beschrieben.

Die innere Spannung von AuDHS

Viele Betroffene beschreiben ihr Erleben als permanenten inneren Konflikt zwischen zwei gegensätzlichen Bedürfnissen. Während Menschen mit ADHS häufig nach Abwechslung suchen, bevorzugen autistische Menschen oft Stabilität und Wiederholbarkeit. Genau diese gegensätzlichen Tendenzen prägen die Erfahrungen vieler Menschen mit ADHS.

Bedürfnis nach Struktur versus Bedürfnis nach Neuheit

Der autistische Anteil strebt nach:

  • klaren Routinen

  • Vorhersagbarkeit

  • Ordnung

  • festen Abläufen

Der ADHS-Anteil sucht hingegen:

  • Abwechslung

  • Spontaneität

  • neue Reize

  • kreative Impulse

Dies kann dazu führen, dass jemand zwar eine detaillierte Tagesplanung erstellt, sich aber gleichzeitig nur schwer daran halten kann.

Wunsch nach sozialen Kontakten vs. soziale Überforderung

Menschen mit AuDHS erleben oft ein echtes Interesse an sozialen Beziehungen. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, soziale Signale intuitiv zu erfassen, und sie sind nach sozialen Interaktionen rasch erschöpft. Dies kann zu wiederholten Annäherungsversuchen mit anschliessendem Rückzug führen.

Hyperfokus und Ablenkbarkeit

Beide Neurotypen können intensive Aufmerksamkeitszustände erzeugen.

Autistische Spezialinteressen fördern:

  • tiefes Wissen

  • Ausdauer

  • hohe Expertise

ADHS kann gleichzeitig bewirken:

  • sprunghafte Interessenwechsel

  • Schwierigkeiten bei weniger interessanten Aufgaben

  • Unterbrechungen durch neue Reize

Dadurch wechseln sich Phasen extremer Produktivität mit Phasen scheinbarer Blockade ab.

Sensorische Besonderheiten

Sensorische Auffälligkeiten zählen zu den häufigsten Merkmalen von AuDHS. Betroffene berichten häufig über eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Berührungen und Gerüchen sowie über Schwierigkeiten bei der Reizfilterung. Während autistische Menschen häufig einzelne Reize besonders intensiv wahrnehmen, fällt Menschen mit ADHS oft die Selektion relevanter Reize schwer. In Kombination kann dies zu einer ausgeprägten sensorischen Überlastung führen. Typische Folgen sind schnelle Ermüdung, Konzentrationsabfall, Reizüberflutung, emotionale Überforderung und ein daraus resultierendes Rückzugsbedürfnis.

Emotionale und soziale Besonderheiten

Die emotionale Regulation stellt bei AuDHS häufig eine zentrale Herausforderung dar. Mögliche Merkmale sind intensive Gefühlsreaktionen, erhöhte Kränkbarkeit, schnelle Überforderung, Schwierigkeiten bei der Benennung von Emotionen und eine verzögerte Verarbeitung emotionaler Erlebnisse. Oft kommt auch eine hohe Sensibilität gegenüber Ablehnung oder Kritik hinzu. Viele Betroffene haben Erfahrungen mit Missverständnissen, Ausgrenzung oder wiederholtem Scheitern an gesellschaftlichen Erwartungen gemacht. Dadurch können sekundär Angststörungen, Erschöpfungssyndrome und Depressionen entstehen.

Diagnostische Besonderheiten

Die Diagnostik von ADHS bei Autismus stellt eine besondere Herausforderung dar. ADHS-Merkmale können autistische Symptome überdecken, beispielsweise durch erhöhte Gesprächigkeit, spontane Kontaktaufnahme und impulsive soziale Interaktionen. Umgekehrt können autistische Eigenschaften typische ADHS-Merkmale maskieren: Starke Routinen können Organisationsprobleme kompensieren und Spezialinteressen können die Konzentrationsfähigkeit in bestimmten Bereichen erhöhen.

Masking bzw. Camouflaging

Ein zentrales Thema bei AuDHS ist das sogenannte Masking bzw. Camouflaging. Dabei versuchen Betroffene, bewusst oder unbewusst, soziale Erwartungen zu erfüllen, autistische Besonderheiten zu verbergen und Impulsivität zu kontrollieren, um „normal“ zu wirken.

Masking kann zwar kurzfristig hilfreich erscheinen, verursacht jedoch häufig erhebliche psychische Belastungen. Mögliche Folgen sind chronische Erschöpfung, Identitätsunsicherheit, Angstzustände und depressive Symptome. Besonders intelligente Personen werden aufgrund ihrer ausgeprägten Kompensationsstrategien oft erst spät im Erwachsenenalter diagnostiziert.

Stärken von Menschen mit AuDHS

Die Diskussion über Neurodivergenz sollte sich nicht nur auf Defizite konzentrieren. Viele Menschen mit AuDHS verfügen über bemerkenswerte Ressourcen.

Dazu zählen Kreativität, hohe Fachkompetenz und die Fähigkeit, Muster zu erkennen. Die Kombination aus originellem Denken, ungewöhnlichen Assoziationen und hoher Vorstellungskraft kann innovative Lösungsansätze fördern. Spezialinteressen können zu außergewöhnlicher Expertise führen. Betroffene erkennen oft Zusammenhänge und Strukturen, die anderen verborgen bleiben. Menschen mit AuDHS beschreiben häufig ein starkes Bedürfnis nach Authentizität, Ehrlichkeit, Integrität und Sinnhaftigkeit. Bei intrinsisch motivierten Themen können enorme Ausdauer, Engagement und Leistungsfähigkeit entstehen.



Behandlung und Unterstützung

Das Verständnis der eigenen Neurodivergenz ist für Betroffene häufig der wichtigste erste Schritt. Eine erfolgreiche Behandlung orientiert sich nicht allein an Symptomen, sondern an den individuellen Bedürfnissen der Person.

Psychotherapie

Der Schlüssel zur Bewältigung von AuDHS liegt darin, die Bedürfnisse beider Seiten (Autismus und ADHS) zu balancieren. Das Ziel ist es, dem Gehirn die nötige Struktur zu geben, ohne es zu langweilen, und ihm Motivation zu verschaffen, ohne es zu überfordern.

Flexibler Strukturaufbau: Starre Pläne scheitern oft am ADHS-Teil, während Planlosigkeit den Autismus-Teil stresst.

  • Gleitende Routinen: keine festen Uhrzeiten fest, sondern eine feste Reihenfolgen (z. B. "Erst Kaffee, dann Dehnen, dann Mails", egal ob um 7:00 oder um 9:00 Uhr)

  • Das Nutzen von z.B. visuellen Kanban-Boards: den Spalten "Zu tun", "In Arbeit" und "Erledigt" visualisieren den Fortschritt (Motivation für ADHS) und geben Struktur (Sicherheit für Autismus).

  • Menü-Karten für Aufgaben: Aufgaben werden auf Kärtchen geschrieben und je nach Tagesform und Energielevel spontan ausgewählt

Sensorisches Energiemanagement: Die Reizüberflutung blockiert Ihre ohnehin knappe ADHS-Konzentration.

  • Reizreduktion als Standard: Tragen von Noise-Cancelling-Kopfhörer oder Loop-Ohrstöpsel in lauten Umgebungen (Supermarkt, Büro), auch präventiv

  • Geplante Reizpausen: Einplanen von festen "Shutdown-Zeiten" nach sozialen oder intensiven Aktivitäten in einem abgedunkelten, leisen Raum ohne Bildschirmmedien

Motivatons-Management für den Fokus: Der autistische Teil braucht oft einen klaren Start, der ADHS-Teil den richtigen Antrieb.

  • Body Doubling: Arbeiten in Gegenwart einer anderen Person (auch virtuell über Plattformen wie Focusmate); die bloße Anwesenheit stabilisiert den ADHS-Fokus, während der klare Rahmen dem Autismus hilft

  • Körperliche Aktivierung vor mentaler Arbeit: Nutzen kurzer, intensiver Bewegung (z. B. 10 Hampelmänner, Lieblingssong tanzen), um die Motivation vor einer ungeliebten Aufgabe zu heben

Selbstakzeptanz: Die Akzeptanz, anders zu sein, nicht gleich zu funktionieren wie der grösste Teil der anderen kann auch bereits entlasten.

  • Maskierung abbauen: bewusstes "Stimming" (Zappeln, Summen, wiederholende Bewegungen) erlaueben; das reguliert die Emotionen und baut angestauten Stress ab

  • Keine Perfektion bei Organisation: Akzeptanz, dass Ihre Systeme unvollständig sein dürfen; wenn eine Organisationsmethode nach zwei Wochen langweilig wird, wechseln Sie sie ohne Schuldgefühle – das ist der ADHS-Wechseldrang.

Bio- und Neurofeedback-Training

Ein Bio- und Neurofeedback-Training kann bei AuDS als ergänzendesVerfahren eingesetzt werden, um die Selbstregulation von Aufmerksamkeit, Arousal und vegetativer Anspannung zu verbessern. Beim Neurofeedback werden EEG-Signale, beim Biofeedback beispielsweise Herzfrequenz, Atmung oder Muskelspannung, rückgemeldet und gezielt trainiert. Das Ziel besteht weniger in der Behandlung von ASS oder ADHS als Diagnose, sondern vielmehr in der Verbesserung funktioneller Probleme wie Reizüberflutung, innere Unruhe, Aufmerksamkeitsinstabilität und Stressregulation. Die Evidenz ist je nach Verfahren und Zielvariable unterschiedlich. Am ehesten sind beide Methoden als individualisierte Add-on-Verfahren im multimodalen Behandlungskonzept einzuordnen.

Neuromodulation

Auch die transkranielle Gleichstrom Stimulation (tDCS) und die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) können bei AuDHS als ergänzende neuromodulatorische Verfahren erwogen werden. Ziel ist nicht die Behandlung von „AuDHS“ als eigener Diagnose, sondern die Modulation von Netzwerken, die an Aufmerksamkeitssteuerung, Exekutivfunktionen, Reizverarbeitung und Emotionsregulation beteiligt sind. Für ADHS gibt es insbesondere für tDCS Hinweise auf mögliche Verbesserungen von Inhibition und Unaufmerksamkeit; für rTMS sind die Befunde uneinheitlich. Bei ASS zeigen neuere Meta-Analysen mögliche Effekte auf soziale Kommunikation, repetitive Verhaltensweisen und exekutive Funktionen, die Evidenz ist jedoch noch heterogen und insgesamt begrenzt.

Für AuDHS sind daher beide Verfahren derzeit Off-Label einzuordnen. Klinisch sinnvoll erscheint eine symptom- und netzwerkorientierte Auswahl des behandelten Zielregion, beispielsweise präfrontale Stimulation bei ausgeprägter exekutiver Dysfunktion oder Aufmerksamkeitsproblemen.

Medikamentöse Behandlung

Bei vorliegender ADHS können Stimulanzien hilfreich sein. Die Wirkung sollte jedoch individuell beurteilt werden, da sensorische und autistische Besonderheiten das Erleben beeinflussen können.

Fazit

AuDHS (die Kombination aus Autismus und ADHS) ist deshalb so schwer zu erkennen, weil sich die Symptome beider Störungen oft überschneiden oder gegenseitig maskieren. Betroffene erleben häufig einen starken inneren Konflikt: Einerseits sehnen sie sich nach Ruhe und festen Strukturen, andererseits hindert sie ihre Hyperaktivität und Reizsuche daran, diese aufrechtzuerhalten.

Typische Anzeichen für AuDHS zeigen sich meist in einer Kombination aus folgenden Bereichen:

  • Chaos trifft auf Kontrollzwang: Einerseits fällt es Menschen mit ADHS schwer, zu planen, zu organisieren und ihr Zeitmanagement zu verbessern. Andererseits führt das Autismus-Spektrum zu einem starren Bedürfnis nach Ordnung und Routinen, was zu ständiger innerer Spannung führt.

  • Reizüberflutung und Spezialinteressen: Die durch ADHS bedingte Ablenkbarkeit kollidiert oft mit der autistischen Reizempfindlichkeit. Betroffene können zwar sehr detailorientiert sein und sich stundenlang auf Spezialthemen „hyperfokussieren“, sind aber gleichzeitig extrem schnell von Lärm oder Licht überfordert.

  • Soziale Ambivalenz: ADHS führt zu impulsiven und sprunghaften Unterhaltungen. Autismus sorgt gleichzeitig dafür, dass nonverbale Signale schwerer zu deuten sind oder man sich in sozialen Situationen stark anpassen muss (sogenanntes „Masking”), was sehr kräftezehrend ist.

  • Extreme Gefühlswelt: Es kann zu impulsiven Gefühlsausbrüchen kommen, die schnell in einen emotionalen Zusammenbruch (Meltdown) oder einen kompletten Rückzug (Shutdown) übergehen können.

Da es sich bei AuDHS nicht um eine eigenständige, offizielle Diagnose handelt, sondern um das gleichzeitige Vorliegen beider Störungen, ist die Diagnosestellung komplex und sollte immer durch Fachleute erfolgen.

Eine moderne psychiatrische und psychotherapeutische Begleitung zielt daher nicht auf die „Normalisierung“ neurodivergenter Menschen ab. Vielmehr geht es um ein besseres Verständnis der individuellen Funktionsweise des Gehirns, die Förderung von Ressourcen und die Schaffung eines Umfelds, in dem neurodivergente Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können.