" Die vierte Kränkung: Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz” von Rüdiger Safranski
Rüdiger Safranski ordnet die Verunsicherung durch die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz in eine bekannte historische Reihe ein. Mit Kopernikus verlor die Erde ihre Stellung als Zentrum der Welt. Darwin ordnete den Menschen in die Evolution des Tierreichs ein. Und die Psychoanalyse stellte die Vorstellung infrage, dass wir uns selbst vollständig durchschauen und unser Seelenleben unter Kontrolle haben. Safranski schliesst daran die künstliche Intelligenz als vierte Kränkung an. Nun geraten auch unsere kognitiven Fähigkeiten unter Konkurrenzdruck. Seine Antwort ist eine Rückbesinnung auf die Besonderheiten des menschlichen Geistes.
Es ist ein vergleichsweise dünnes Buch, das jedoch eine hohe Dichte an interessanten Gedanken aufweist. Vor allem habe ich mir Notizen zum dritten Kapitel gemacht, in dem er sieben Aspekte diskutiert, die den lebendigen Geist von der KI unterscheiden:
Emotionale und körperliche Einbettung: Denken hat einen körperlichen Hintergrund
Unser Denken findet in einem lebendigen Organismus statt. Der Geist ist in Gefühle und Stimmungen eingebettet. Das Gehirn erhält fortlaufend Informationen aus dem Körper, die dazu beitragen, wie wir uns fühlen. Denken aus diesem Zusammenhang herauszulösen, würde einen wesentlichen Teil unseres Erlebens ausblenden.
Wir sind müde oder wach, angespannt oder gelassen. Wir haben Bedürfnisse und manche Dinge gehen uns unmittelbar nahe. Dieselbe Nachricht kann an einem Tag nebensächlich erscheinen und am nächsten kaum auszuhalten sein. Was wir wahrnehmen und wie wir es bewerten, hängt mit unserem emotionalen Zustand zusammen.
Selbstverhältnis: Wir können uns selbst zum Gegenstand werden
Menschen können ihr eigenes Denken betrachten. Wir zweifeln an einer Überzeugung, bemerken einen Widerspruch oder fragen uns, weshalb uns eine Bemerkung so getroffen hat. Dabei begegnen wir uns als jemand, dem etwas widerfährt und der sich dazu verhalten kann. Eine KI ist kein Subjekt und hat keinen Selbst- und keinen Weltbezug, kein Innen und kein Aussen.
Spontaneität: Etwas kann uns von innen heraus beschäftigen
Beim Spazieren kommt uns ein Gedanke. Eine Frage lässt uns nicht los, obwohl niemand sie gestellt hat. Wir beginnen aus Neugier etwas oder ändern ein Vorhaben, weil uns unterwegs etwas anderes wichtiger geworden ist. Der Mensch verfügt über eine schöpferische Kraft und Intentionalität. ”Der Geist entwirft Zwecke, Ziele und sucht und erprobt Wege dorthin.”
Modalität und Temporalität: Wir leben mit Möglichkeiten und in der Zeit
Diese beiden Begriffe wirken auf den ersten Blick etwas abstrakt. Modalität betrifft unter anderem die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Wir können uns vorstellen, dass etwas anders wäre. Temporalität bezeichnet den zeitlichen Charakter unseres Erlebens: Wir erinnern uns und richten uns auf eine Zukunft aus.
Beides greift ineinander. Eine verpasste Gelegenheit gehört zur Vergangenheit, beschäftigt uns jedoch als Möglichkeit weiterhin: Was wäre gewesen, wenn? Eine bevorstehende Begegnung ist noch nicht eingetreten, beeinflusst aber bereits unsere Gegenwart. Unsere Lebensgeschichte besteht aus Ereignissen und der Bedeutung, die wir ihnen beimessen.
Eine KI kann alternative Verläufe beschreiben und Zukunftsszenarien entwerfen. Sie selbst erwartet jedoch keine Zukunft und bedauert ihre Vergangenheit nicht.
Empathie und Verstehen: Der andere hat eine Innenperspektive
Wenn wir einen Menschen verstehen wollen, versuchen wir, seine Situation nachzuvollziehen. Dazu gehört, seine Perspektive gedanklich einzunehmen, emotional auf ihn zu reagieren und seine Äusserungen im Zusammenhang mit seiner Geschichte zu deuten. Diese Fähigkeiten sind unter Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Neben Mimik und Gestik ist die Sprache das Medium dieser Beziehung. Eine KI kann Sprache verarbeiten. Der Prozess zwischen Eingabe und Ausgabe erfolgt jedoch ohne Verstehen und ohne Bezug zum Bedeutungshorizont: „Der lebendige Geist realisiert die Bedeutungen der Zeichen, die KI verrechnet die Zeichen untereinander.“ Mit der KI spricht die Sprache sozusagen selbst.
Moralität: Entscheidungen betreffen unser Verhältnis zu anderen
Wir können eine Handlung danach beurteilen, ob sie richtig oder falsch ist. Dabei geraten wir mitunter in Konflikte, die sich nicht allein durch mehr Informationen auflösen lassen. Wie offen soll man etwas aussprechen, wenn die Wahrheit einen anderen verletzen könnte? Was schulden wir einem Menschen, auch wenn es uns persönlich etwas kostet? Die Moral ist in der Empathie, im Mitleiden, verwurzelt. Und diese Fähigkeit ist für die KI nicht simulierbar, weil ihr das Erleben fehlt.
Zur Moralität gehört auch die Beziehung zwischen einem Urteil und dem eigenen Handeln. Wir können Verantwortung übernehmen, Schuld empfinden und versuchen, etwas wiedergutzumachen. Eine technisch erzeugte Empfehlung kann bei der Abwägung helfen. Die Prüfung der Gründe und das Einstehen für die Folgen des eigenen Handelns bleiben jedoch menschliche Aufgaben.
Freiheit: Die Fähigkeit, mit sich etwas anfangen zu können
Der Freiheitsbegriff ist schwierig und ein grosses Thema in der Philosophie des Geistes. Gibt es den freien Willen? Der menschliche Geist erlebt Freiheit. So kann er etwa die Forderung an sich selbst richten: „Du musst dein Leben ändern!” Allein die Erfahrung, sich zu entscheiden, löst dieses Problem jedoch nicht auf. Inwieweit der menschliche Wille frei ist und wie Freiheit mit den Bedingungen unseres Gehirns und unserer Lebensgeschichte zusammenhängt, ist umstritten.
Für den Alltag lässt sich jedoch eine konkrete Form von Freiheit beschreiben. Wir können einen Impuls bemerken, innehalten und unser Handeln an Gründen ausrichten. Wir können auch ein Ziel hinterfragen, das uns bisher selbstverständlich erschien. Diese Fähigkeit ist begrenzt und von unserer jeweiligen Verfassung abhängig. Sie bleibt dennoch bedeutsam.
Im Umgang mit KI ergibt sich daraus eine praktische Frage: Hilft sie uns, unsere eigenen Möglichkeiten besser zu erkennen und abzuwägen? Oder gewöhnen wir uns daran, ihre Vorschläge zu übernehmen, ohne selbst zu prüfen, was wir wollen?
Fazit
Safranskis sieben Aspekte verdeutlichen die Unterschiede zwischen menschlichem Geist und KI. Welche dieser Eigenschaften künstliche Systeme künftig besitzen könnten, bleibt allerdings offen. Wir verstehen noch zu wenig darüber, wie subjektives Erleben entsteht.
Dabei darf aus diesen Merkmalen kein Massstab für den Wert eines Menschen werden. Unsere Würde hängt weder von unserer geistigen Leistungsfähigkeit noch davon ab, wie gut wir Gefühle ausdrücken können.
Das Buch regt somit auch dazu an, über das eigene Denken nachzudenken. KI kann uns unterstützen. Trotzdem brauchen wir Raum, um unsere Gedanken selbst zu entwickeln. Oft merken wir erst beim Nachdenken oder Schreiben, was uns eigentlich beschäftigt – und manchmal verändert sich dabei schon die ursprüngliche Frage.
Safranski R. Die vierte Kränkung: menschlicher Geist im Schatten der künstlichen Intelligenz. München: Hanser; 2026.