Der Nervus accessorius – warum der «Nacken-Nerv» oft mehr mit Kopf- und Nackenschmerzen zu tun hat, als man denkt

Der Nervus accessorius (XI. Hirnnerv) ist ein rein motorischer Hirnnerv. Er teilt sich in einen spinalen Teil für die grossen Hals- und Nackenmuskeln sowie einen kranialen Teil für den Kehlkopf auf. Die Nervenfasern des spinalen Teils ziehen zum Musculus sternocleidomastoideus und zum Musculus trapezius. Diese beiden Muskeln ermöglichen das Drehen und Neigen des Kopfes, das Anheben der Schultern sowie die Stabilisierung der Halswirbelsäule und des Schultergürtels. Eine normale Funktion des Nervus accessorius ist deshalb nicht nur für die Beweglichkeit, sondern auch für eine entspannte und stabile Haltung von Kopf, Nacken und Schultern von großer Bedeutung.

Der Nervus accessorius als Spiegel unseres Stresssystems

Der Nervus accessorius gehört zwar nicht zum vegetativen Nervensystem, steht aber in enger funktioneller Beziehung zu diesem. Bei akuter Gefahr aktiviert das Gehirn über den Sympathikus zahlreiche Muskeln des Körpers, insbesondere im Schulter-Nacken-Bereich. Der Kopf wird aufgerichtet, der Blick fokussiert und die Schultern werden leicht angehoben – eine evolutionär sinnvolle Vorbereitung auf Flucht oder Kampf.

 
 

Diese Reaktion wird erst dann problematisch, wenn sie nicht mehr abgeschaltet wird. Chronischer beruflicher oder privater Stress, anhaltende Sorgen, Perfektionismus oder emotionale Belastungen können dazu führen, dass die Nackenmuskulatur dauerhaft angespannt bleibt. Viele Betroffene bemerken dies zunächst gar nicht. Sie haben sich an den ständig erhöhten Muskeltonus gewöhnt.

Das Gehirn „lernt” gewissermaßen einen neuen Normalzustand. So entwickelt sich aus einer ursprünglich sinnvollen Schutzreaktion eine dauerhafte Fehlregulation des Nervensystems. Eine chronisch erhöhte Muskelspannung kann zudem

  • die Beweglichkeit der Halswirbelsäule einschränken,

  • Triggerpunkte entstehen lassen,

  • Kopfschmerzen begünstigen und

  • Müdigkeit und Erschöpfung verstärken.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht spricht vieles dafür, dass dabei verschiedene Hirnnetzwerke zusammenwirken. Insbesondere die Amygdala, die Bedrohungen bewertet, der präfrontale Cortex, der Emotionen reguliert, und der anteriore cinguläre Cortex, der die Aufmerksamkeit und die Schmerzverarbeitung beeinflusst, tragen wesentlich dazu bei, wie stark die Muskelspannung aufgebaut und aufrechterhalten wird. Chronische Nackenverspannungen sind deshalb häufig nicht nur ein Problem der Muskulatur, sondern auch Ausdruck einer langfristigen Überaktivierung des gesamten Stresssystems.

Hinzu kommen weitere Faktoren:

  • langes Arbeiten am Computer,

  • einseitige Körperhaltung,

  • mangelnde Bewegung und

  • Schlafmangel.

Dadurch entsteht ein Teufelskreis aus Muskelverspannung, Schmerzen und weiterer Anspannung.

Der Zusammenhang zwischen Nacken- und Kopfschmerzen

Wie kann es sein, dass verspannte Nackenmuskeln Kopfschmerzen verursachen? Die Erklärung liegt in der Verschaltung der sensiblen Nervenbahnen. Schmerzsignale aus dem Trapezmuskel und dem Sternocleidomastoideus werden gemeinsam mit Signalen des Trigeminusnervs im sogenannten trigeminozervikalen Komplex des Hirnstamms verarbeitet. Dadurch können Schmerzen aus dem Nacken in den Hinterkopf, die Schläfen, die Stirn oder sogar hinter die Augen projiziert werden. Diese neuroanatomische Verschaltung ist für den typischen Übertragungsschmerz bei zervikogenen Kopfschmerzen verantwortlich.

Typische Symptome sind:

  • dumpfer Schmerz im Hinterkopf,

  • Ausstrahlung in Schläfe oder Stirn und

  • Druck oder Schmerzen hinter einem Auge.

Solche Beschwerden werden nicht selten zunächst als Migräne oder Spannungskopfschmerz interpretiert, obwohl die Ursache zumindest teilweise im Bereich der Hals- und Nackenmuskulatur liegt.



Behandlung - Was hilft?

Eine erfolgreiche Behandlung von chronischen Nackenbeschwerden erfolgt in der Regel auf zwei Ebenen: Einerseits wird die Muskulatur durch Physiotherapie, Bewegung oder eine Triggerpunktbehandlung behandelt. Andererseits wird die Regulation des Nervensystems durch Stressreduktion, Entspannungsverfahren, Psychotherapie oder moderne Neuromodulation verbessert. Gerade diese Kombination bietet die grössten Chancen, den Teufelskreis aus Stress, Muskelverspannung und Schmerzen nachhaltig zu durchbrechen.

Die psycho- und physiotherapeutischen Konzepte umfassen dabei:

  • Entspannungsverfahren,

  • Stressmanagement,

  • ausreichender Schlaf,

  • Kräftigung der tiefen Halsmuskulatur,

  • Verbesserung der Körperhaltung,

  • Behandlung von Triggerpunkten,

  • Dehnungs- und Mobilisationsübungen,

  • Wärmeanwendungen und

  • regelmässige Bewegung.

Moderne Neuromodulation

Bei chronischen Nacken- und Kopfschmerzen, die über Monate oder Jahre bestehen, genügt eine rein lokale Behandlung der Muskulatur häufig nicht. Das Nervensystem hat dann gelernt, Schmerz und erhöhte Muskelspannung dauerhaft aufrechtzuerhalten. In der Fachsprache spricht man in diesem Fall von einer zentralen Sensibilisierung oder einer gestörten Schmerzregulation.

Hier setzen moderne Verfahren der Neuromodulation an. Das Ziel besteht darin, die Aktivität der beteiligten Hirnnetzwerke wieder zu normalisieren und die Regulation zwischen Gehirn, Muskulatur und vegetativem Nervensystem zu verbessern.

Neurofeedback und Biofeedback

Neurofeedback und Biofeedback helfen Patientinnen und Patienten, unbewusst ablaufende Körper- und Gehirnfunktionen besser wahrzunehmen und gezielt zu beeinflussen.

im Neurofeedback wird die elektrische Aktivität des Gehirns (EEG) in Echtzeit gemessen und dem Patienten entweder visuell oder akustisch zurückgemeldet. Dadurch lernt das Gehirn schrittweise, seine Aktivität selbst zu regulieren. Das Ziel besteht darin, eine bessere Balance zwischen Anspannung und Entspannung sowie eine günstigere Regulation von Aufmerksamkeit, Emotionen und Stress zu erreichen. Bei chronischen Nackenverspannungen und Kopfschmerzen kann Neurofeedback dazu beitragen, die übermässige Aktivierung des Nervensystems zu reduzieren und die Schmerzwahrnehmung positiv zu beeinflussen.

Beim Biofeedback werden körperliche Funktionen wie die Muskelspannung (EMG-Biofeedback), die Herzratenvariabilität (HRV-Biofeedback), die Atmung oder die Hautleitfähigkeit gemessen und unmittelbar rückgemeldet. Betroffene lernen beispielsweise, eine unbewusst erhöhte Muskelspannung im Schulter-Nacken-Bereich zu erkennen und gezielt zu lösen oder durch eine ruhige Atmung den Parasympathikus zu aktivieren. Insbesondere das EMG-Biofeedback für die Nacken- und Schultermuskulatur sowie das HRV-Biofeedback verfügen über eine gute wissenschaftliche Evidenz bei Spannungskopfschmerzen und stressbedingten Muskelverspannungen.

Da chronische Beschwerden meist sowohl das Gehirn als auch den Körper betreffen, ergänzen sich Neurofeedback und Biofeedback ideal: Während Neurofeedback die zentralen Regulationsmechanismen des Gehirns trainiert, unterstützt Biofeedback die bewusste Kontrolle von Muskelspannung und vegetativen Körperfunktionen. Gemeinsam fördern sie eine nachhaltige Verbesserung der Selbstregulation und helfen, den Kreislauf aus Stress, Verspannung und Schmerzen zu durchbrechen.

Transkutane Vagusnervstimulation (tVNS)

Bei der transkutanen Vagusnervstimulation wird über den Ohrast des Nervus vagus das parasympathische Nervensystem aktiviert – gewissermaßen der natürliche Gegenspieler des Stresssystems. Dadurch können innere Anspannung, Herzfrequenz, Stressreaktionen sowie chronische Muskelverspannungen reduziert werden.

Repetitive transkranielle und periphere Magnetstimulation (rTMS und rPMS)

Man muss zwischen repetitiver transkranieller und damit zentraler rTMS (Gehirnstimulation) und repetitiver peripherer Magnetstimulation (rPMS) (Stimulation von peripheren Nerven und Muskeln) unterscheiden.

rTMS bei chronischen Nackenschmerzen
Bei der rTMS werden gezielt jene Hirnregionen beeinflusst, die an der Schmerzverarbeitung, der Emotionsregulation und der Kontrolle des Muskeltonus beteiligt sind. Zwar stammen die meisten Studien aus der Behandlung chronischer neuropathischer Schmerzen, es gibt aber zunehmend auch Daten für chronische muskuloskelettale Schmerzen. Dabei wird von folgenden Wirkmechanismen ausgegangen:

  • Beeinflussung der Schmerzmatrix (ACC, Insula, Thalamus) und damit Verminderung der zentralen Sensibilisierung,

  • Aktivierung absteigender schmerzhemmender Bahnen und

  • Verbesserung der emotionalen Schmerzverarbeitung.

rPMS des Musculus trapezius
Die rPMS wirkt bei Nackenschmerzen vermutlich weniger durch direkte Muskelentspannung als durch die Normalisierung des sensomotorischen Netzwerks. Bei chronischen Nackenschmerzen findet man häufig

  • eine erhöhte M1-Erregbarkeit,

  • eine gestörte sensorische Repräsentation der Halsmuskulatur,

  • eine veränderte propriozeptive Verarbeitung und

  • eine zentrale Sensibilisierung.

Die Magnetspule stimuliert wahrscheinlich gleichzeitig

  • Muskelspindeln,

  • intramuskuläre Nervenendigungen,

  • motorische Axone und

  • propriozeptive Afferenzen.

Dadurch gelangt eine enorme Menge sensorischer Information über Muskel → Hinterhorn → Hirnstamm → Kleinhirn → sensorischer Cortex → zum motorischen Kortex zurück. Man erhält gewissermassen ein intensives propriozeptives "Reset-Signal", welches die Repräsentationen neu kalibrieren dürfte. In diesem Sinne ist die rPMS deshalb eher als neuromodulatorisches Verfahren denn als reine Muskeltherapie zu sehen.

Neuromodulatorische Kombinationsbehandlung

Auf Basis der vorherigen Überlegungen und Wirkmechanismen der verschiedenen Methoden lässt sich auch eine Kombinationsbehandlung ableiten:

  1. rPMS des Trapezius, insbesondere der Triggerpunkte, wenn solche vorhanden sind.

  2. Anschließend EMG-Biofeedback, damit der Patient lernt, den reduzierten Muskeltonus aktiv aufrechtzuerhalten.

  3. HRV-Biofeedback oder tVNS, um die sympathische Überaktivierung zu dämpfen.

  4. Bei chronifizierten Verläufen mit Hypervigilanz, Depression oder chronifizierten Schmerzen zusätzlich zentrale rTMS.

Mit diesem Vorgehen werden die peripheren Triggerpunkte, die zentrale Schmerzverarbeitung und die Stressregulation angesprochen – drei Ebenen, die bei chronischen Nacken- und zervikogenen Kopfschmerzen häufig gemeinsam beteiligt sind.

Fazit

Der Nervus accessorius ist weitaus mehr als nur ein Bewegungsnerv für Schulter und Hals. Aufgrund seiner engen Verbindung zu den wichtigsten Nackenmuskeln trägt er wesentlich zur Stabilität der Halswirbelsäule und zu einer entspannten Körperhaltung bei. Gleichzeitig können chronische Überlastung, Stress und muskuläre Verspannungen in seinem Versorgungsgebiet Nackenbeschwerden, Spannungskopfschmerzen und zervikogene Kopfschmerzen verursachen.

Gerade bei Menschen mit lang anhaltenden Beschwerden lohnt es sich daher, nicht nur die Schmerzen selbst, sondern auch ihre neurobiologischen Ursachen zu behandeln. Denn oft liegt der Schlüssel zur Besserung nicht allein in der Halswirbelsäule, sondern im Zusammenspiel von Nervensystem, Muskulatur und psychischer Belastung.